Franziska Meyer, Zugchefin/Zugbegleiterin, DB Fernverkehr AG

Zum Inhalt springen

 

Möglichmacherin Franzsiska Meyer

 

„In brenzligen Situationen ruhig bleiben und deeskalieren”

Was machst Du, damit die Fahrt eines ICE/IC möglich wird?

Ich sorge unter anderem dafür, dass der Zug pünktlich vom Gleis abfährt, dass die Fahrkarten zusammen mit Zugbegleitern kontrolliert werden und dass Service am Platz zusammen mit den Kollegen der Gastronomie gemacht wird.

Außerdem beseitigen wir kleine Mängel sofort während der Fahrt: z.B. Sitzverschalung wieder festdrücken, beschädigte Scheibe mit Scheibenfolie fixieren. Größere Mängel werden an das Werk vorgemeldet, damit dort für die Reparatur alles rechtzeitig vorbereitet werden kann. Bei der Abfahrt des ICE/IC gebe ich aus dem Zug raus dem Triebfahrzeugführer digital über mein Diensthandy den Abfahrauftrag.

Ich bin auch für die Sicherheit an Bord verantwortlich: Unter anderem für die Kontrolle der Haltbarkeit der Feuerlöscher, die ordnungsgemäße Verplombung der Nothilfeeinrichtungen wie z. B. Notbremsen und der Türnotentriegelung.

Wenn es Probleme mit Reisenden gibt, versuche ich zu schlichten, im Extremfall hole ich ansonsten Hilfe über die Verkehrsleitung von der Bundespolizei. Als Zugchefin bin ich das Bindeglied zwischen der Verkehrsleitung und den Reisenden sowie dem Personal im Zug. Alle relevanten Informationen gebe ich an die Reisenden und die Kollegen weiter.

Was begeistert Dich an Deinem Job?

Die Vielfalt, ich habe jeden Tag mit anderen Menschen zu tun, bin jeden Tag in anderen Städten. Nur im Büro zu sein, das wäre nicht mein Ding. Und jeder Tag ist anders: jeden Tag gibt es neue Reisende, neue Kollegen, das (Fahrzeug-) Material ist ein anderes, evtl. gibt es Umleitungen – kein Tag gleicht dem anderen, und das mag ich!

Was war Dein schönstes Eisenbahn-Erlebnis?

Es gibt so viele, ich finde Erlebnisse mit Kindern immer so toll. Einmal habe ich mich mit meiner Kollegin zusammen um einen wissbegierigen 5-Jährigen gekümmert. Der konnte schon lesen und schreiben und hatte seinem Vater Löcher in den Bauch gefragt. Sein Vater wusste gar nicht, wie er ihn noch während der Fahrt beschäftigen sollte. Er war sehr dankbar für unsere Unterstützung. Leider haben wir selten Zeit für so ein Highlight.

Warum sollten sich Frauen zur Bahn bewerben?

Ja, warum denn nicht, wir sind hier so was von gleichberechtigt, jede Frau kann jeden Job bei uns machen. Ein Mensch ist ein Mensch, wir machen hier keine Geschlechtertrennung. Im Zugbegleitdienst haben wir ein ausgewogenes Männer-Frauen-Verhältnis.

Was war Dein Beweggrund, zur Bahn zu gehen? Warum hast Du Dich bei der DB beworben?

Ich wollte unbedingt eine abgeschlossene Berufsausbildung haben. Ich war vor meiner DB-Karriere als ungelernte Kraft stellvertretende Marktleitung in einem Supermarkt. Mein ehemaliger Chef wollte mich nicht ausbilden. So habe ich mit 27 Jahre eine 2,5-jährige Ausbildung bei der DB zur Kauffrau für Verkehrsservice begonnen. Ich hätte mich auch als Quereinsteigerin fortbilden lassen können, wollte aber unbedingt eine Ausbildung haben. Mit dieser könnte ich – rein theoretisch – auch in anderen Bereichen bei der DB arbeiten.

Ich habe in meiner Freizeit ein Ehrenamt inne. Dort lerne ich die Anwendung von mentaler Stärke und Selbstverteidigung. So kann ich in brenzligen Situationen im Zug und am Bahnsteig ruhig bleiben, kann die Situation aushalten und deeskalieren und mich ggf. selbst verteidigen. Das hat mir schon in vielen Situationen geholfen, die deeskaliert werden konnten. Das spiegeln mir auch die Kollegen zurück.

Ich habe eine leichte Form von MS ohne körperliche Beeinträchtigungen, die sich erst in naher Vergangenheit gezeigt hat. Im Zugbegleitdienst sind gesundheitliche und psychische Eignungen Voraussetzung, Ich habe alle Tests bestanden, musste für die Durchführung der Tests aber auch hart kämpfen. Wenn ich das nicht getan hätte, würde ich heute nicht Zugchefin sein und auch nicht mehr im Zugbegleitdienst fahren.

Mein Appell an alle Kolleg:innen: Lasst Euch nicht unterkriegen, auch nicht mit einer chronischen Erkrankung. Es gibt Leute mit MS im Begleitdienst. Zu Diversity gehören auch Menschen mit Behinderungen, wir müssen uns nicht verstecken!

Interview geführt von Sylvia Hollah